Foto © Dieter Hawlan
Mediator oder Berater?
Beides – aber nie gleichzeitig
Es gibt einen Moment, der in fast jeder Mediation irgendwann kommt: Die Positionen sind ausgesprochen, die Fronten benannt, eine müde Pause legt sich über den Raum, und dann sagt einer der Beteiligten: Sie kennen sich doch aus, Sie sind doch auch Berater – was würden Sie an unserer Stelle tun?
Die Frage kommt meist aus Erschöpfung, manchmal aus echter Ratlosigkeit. Und sie trifft bei mir auf eine Doppelqualifikation, die diese Frage besonders heikel macht: Ich bin tatsächlich beides, Mediator und Unternehmensberater. Ich könnte in diesem Moment etwas sagen. Die Frage ist, ob ich es darf, ob es hilfreich sein kann – und wenn ja, wie.
Zwei Rollen, eine Person, keine Vermischung
Als Mediator bin ich Experte für das Verfahren, nicht für die Lösung. Meine Aufgabe ist es, hinter festgefahrenen Positionen die Interessen und Bedürfnisse freizulegen, die darunterliegen, um einen Rahmen zu schaffen, in dem die Beteiligten selbst eine Lösung finden, die für sie trägt. Was ich nicht tue, ist beurteilen, welche Lösung die richtige ist. Das wissen die Konfliktparteien selbst, auch wenn sie mitten im Konflikt oft das Gegenteil glauben. Sie sind die Experten für ihr Unternehmen, ihre Familie, ihre Geschichte, ihre Zukunft – nicht ich.
Diese Aufteilung ist nicht verhandelbar, und sie hat zwei Gründe, die ich in der täglichen Arbeit beide spüre.
Der erste ist die Allparteilichkeit. Ich stehe nicht zwischen den Streitparteien als neutraler Beobachter, sondern auf der Seite aller zugleich. Sobald ich eine inhaltliche Präferenz erkennen lasse, auch nur durch einen gut gemeinten Gedanken, kippt dieses Gleichgewicht. Eine Partei fühlt sich bestätigt, die andere infrage gestellt. Damit ist die Grundlage des Verfahrens beschädigt, das Vertrauen, dass hier niemand bevorzugt wird.
Der zweite Grund liegt schon im Wort selbst. Ein Mediator ist ein Vermittler. Aber ich vermittle nicht zwischen Positionen. Ich vermittle zwischen Personen, indem ich helfe, ihre Positionen in Bewegung zu bringen und die Bedürfnisse und Interessen dahinter erkennbar zu machen. Was ich ganz sicher nicht tue, ist zwischen einer Position der Streitparteien und meiner eigenen zu vermitteln. Das ist der eigentliche Punkt. In dem Moment, in dem meine eigene fachliche Meinung als Berater Teil der Verhandlung würde, gäbe es keine zwei Parteien mehr, die einen Weg zueinander finden, sondern eine dritte Meinung, die sich durchsetzt oder nicht. Genau das soll Mediation nicht sein. Eine Lösung ist in der Mediation dann gut, wenn sie für die Beteiligten passt – auch wenn sie meiner Erfahrung als Berater glatt widerspricht. Diese Spannung ist kein Defekt. Sie ist der eigentliche Wert des Verfahrens und zugleich die Voraussetzung für eine nachhaltige Lösung.
Wenn nichts mehr weitergeht
In der Praxis erlebe ich es immer wieder: Ein Prozess gerät an einen Punkt, an dem sich nichts mehr bewegt. Alles scheint gesagt, und doch entsteht keine neue Idee. In solchen Momenten habe ich zwei Möglichkeiten, die sich in ihrer Tragweite deutlich unterscheiden.
Mit der ersten bleibe ich vollständig in meiner Rolle als Mediator. Ich formuliere eine Vermutung über den Grund des Stillstands, ausdrücklich als Vermutung: „Ich habe da eine Hypothese, korrigieren Sie mich, wenn ich falschliege.“ Das funktioniert, weil ich keine Lösung anbiete, sondern eine Beobachtung zur Diskussion stelle, die jederzeit verworfen werden kann. Diese Möglichkeit bleibt so immer Teil des Verfahrens.
Die zweite ist der tatsächliche Rollenwechsel. Und genau hier wird es heikel, denn jetzt verlasse ich meine Mediatorrolle wirklich, und das darf keiner Partei und keinem Medianden verborgen bleiben.
Der Schritt zur Seite
Wenn ich mich für den Wechsel entscheide, mache ich ihn sichtbar, fast plakativ. Manchmal ist es ein bewusst übertriebener Schritt zur Seite, manchmal nehme ich symbolisch meine Kappe ab oder setze sie wieder auf, je nachdem, was zur Situation passt. Im Anlassfall rahme ich das mit einer Pause: Ich unterbreche das Gespräch, vollziehe den Wechsel in diesem Einschnitt, und erst danach geht es weiter. Wichtig ist nicht die genaue Geste. Wichtig ist, dass sie für alle Beteiligten gleichzeitig und gleich klar erkennbar ist.
Das mag wie Theater wirken, ist aber das Gegenteil. Mediation kennt neben Freiwilligkeit und Vertraulichkeit das Prinzip der Informiertheit: Alle Beteiligten müssen über die für ihre Entscheidung wesentlichen Umstände denselben Kenntnisstand haben. Eine Einigung, die nur deshalb entsteht, weil eine Partei erkannt hat, dass ich gerade als Berater spreche, während die andere das überhört hat, wäre keine gemeinsame Übereinkunft mehr, sondern eine verzerrte. Dass ich auch Berater bin, ist ein offenlegungspflichtiger Umstand – nicht erst, wenn er relevant wird, sondern von Beginn an. Und wenn er im Verfahren tatsächlich relevant wird, muss diese Information in genau diesem Moment für alle gleichzeitig zugänglich sein. Der Schritt zur Seite ist dafür kein Stilmittel. Er ist die praktische Umsetzung dieses Informiertheitsgebots.
Das österreichische Zivilrechts-Mediations-Gesetz zieht dafür den äußeren Rahmen: Wer in einem Konflikt zwischen Parteien selbst Berater ist oder gewesen ist, darf in diesem Konflikt nicht als Mediator tätig sein. Mediatoren beraten nicht. Erst nach Beendigung der Mediation, im Rahmen seiner sonstigen beruflichen Befugnisse und mit Zustimmung aller betroffenen Parteien, darf er an der Umsetzung des Ergebnisses beratend mitwirken. Innerhalb dieses Rahmens bewege ich mich: Der Wechsel erfolgt offen, nicht heimlich während des laufenden Verfahrens, und nur mit der ausdrücklichen Zustimmung aller. Das ist keine Grauzone. Es ist ein enger, klar umrissener Spielraum, der Disziplin verlangt und keine Beliebigkeit erlaubt.
Die Grenze, an der ich nicht switche
Es gibt einen Fall, in dem ich den Wechsel nie vollziehe, egal wie eindringlich er verlangt wird: wenn er einer Partei dienen würde statt der Sache.
Die Frage „Sie sind doch auch Berater, was würden Sie uns raten?“ kann durchaus von einer Partei selbst kommen – das allein ist noch kein Grund, den Wechsel abzulehnen. Entscheidend ist, was ich hinter der Aufforderung erkenne. Wenn ich den Eindruck habe, dass es hier wirklich um einen Impuls für die Sache geht, kann ich dem nachkommen. Wenn ich aber spüre, dass eine Partei meine Einschätzung als Berater nutzen will, um die eigene Position zu stärken, mich also für ihre Seite einzuspannen versucht, mache ich den Wechsel nicht. In diesem Moment wäre ich kein Impulsgeber mehr, sondern ein Instrument, und genau das lasse ich nicht zu.
Warum mir genau das wichtig ist
Ich könnte mir das Leben einfacher machen und Mediation und Beratung strikt trennen, an unterschiedliche Personen vergeben, jede Vermischung ausschließen. Das wäre eine sichere Variante. Ich glaube aber, dass damit ein erheblicher Teil dessen verschenkt würde, was viele Organisationen in einer Konfliktlage tatsächlich brauchen.
Unternehmen, Vereine, Familienbetriebe in einer strukturellen Auseinandersetzung brauchen selten nur Vermittlung oder nur Beratung. Oft brauchen sie beides, zu unterschiedlichen Zeitpunkten, manchmal im Abstand von wenigen Minuten. Wenn ich beide Rollen in einer Person zusammenführen kann, erspare ich den Beteiligten den Bruch, der entsteht, wenn mitten im Prozess eine zweite Person eingeführt werden muss, die sich erst wieder neu einarbeiten und Vertrauen aufbauen müsste.
Was mich dafür qualifiziert, ist nicht, dass ich beides kann. Das können vermutlich mehr Menschen, als man denkt. Was mich qualifiziert, ist, dass ich genau weiß, wo die Grenze zwischen beiden Rollen verläuft, dass ich diese Grenze auch dann halte, wenn eine Partei sie lieber verschwimmen lassen würde, und dass ich im seltenen Fall eines berechtigten Wechsels diesen so deutlich vollziehe, dass niemand im Raum im Unklaren bleibt, wer in diesem Moment zu ihm spricht. Diese Disziplin ist nicht das Gegenteil meiner Doppelfunktion. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass ich sie verantworten kann.
Ich mache diesen Wechsel nicht in jeder Mediation. In den meisten bleibe ich von Anfang bis Ende in meiner Rolle, und das ist auch gut so. Aber in den Fällen, in denen ich ihn mache, bekomme ich danach durchweg positive Rückmeldung – und auffallend oft wird genau diese Doppelrolle als das hervorgehoben, was den entscheidenden Unterschied gemacht hat. Offenbar spüren die Beteiligten, dass hier nicht improvisiert wird, sondern etwas zur Geltung kommt, das seinen Platz und seine Grenze kennt.